Aktbesprechung oder Inverses Selbstporträt

Aktmalerei oder Aktzeichnung bilden bedeutende Bestandteile der Kunstgeschichte sowie der künstlerischen Ausbildung und zwar als Beziehung zwischen männlichem Maler und weiblichem Modell. Ich wollte die Geschichte des Akts als männliches Vergnügen umdrehen und den Mann an die Stelle der Frau setzen. Ich fand es für unsere phallokratische Kultur symptomatisch, Posen nackter Frauen unter dem Vorwand der Kunst zu arrangieren. Besonders im Wien der Jahrhundertwende, z. B. von Gustav Klimt und Egon Schiele, fand ich deren Berufsauffassung als Genremaler der gespreizten Schenkel eigenartig, wenn nicht abstoßend. Es erschien mir interessanter, selbst das nackte Modell zu sein, über das von Frauen gesprochen wird, die selbst einmal Modelle waren. Ich wollte auch den Akt nicht malen, sondern den klassischen Konflikt zwischen visueller Darstellung und verbaler Beschreibung auflösen, indem ich die verbale Beschreibung an die Stelle der visuellen Darstellung setzte. Bei der Aktbesprechung wird die Sprache als Medium der Absenz benutzt, um den abwesenden Körper (des Malers) zu vergegenwärtigen, der in der Aktmalerei fern bleibt. Das Ziel der verbalen Beschreibung war, die sichtbare Betrachterin, die das Modell, nämlich mich, bespricht, mit den Betrachtern des Bildschirms zu identifizieren. Indem der Betrachter vor dem Bildschirm eine Frau sieht, die mich als nacktes Modell sieht, aber diesen Sehakt nur verbal beschreibt, blickt auch der Betrachter indirekt auf mich. Der Sehakt als Beobachter zweiter Ordnung (der Betrachter vor dem Bildschirm) setzt den Seh- und Sprechakt des Beobachters erster Ordnung (die Betrachterin im Bildschirm) fort. Ein Spiegelkabinett der Wahrnehmung und des Begehrens. (Peter Weibel)

Orig. Titel
Aktbesprechung oder Inverses Selbstporträt
Jahr
1975 - 1976
Land
Österreich
Länge
19 min
Regie
Peter Weibel
Kategorie
Avantgarde/Kunst
Orig. Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Credits
Regie
Peter Weibel
Konzept & Realisation
Peter Weibel
Verfügbare Formate
Digital File (prores, h264) (Distributionskopie)
Farbformat
s/w